Sonntag, 12. Juni 2011
Gründung neuer SHG / Selbstbewusstseinsdefizite und soziale Ängste in Hannover
Hiermit gebe ich den Plan bekannt, eine neue Selbsthilfegruppe in Hannover zu gründen.

Anlass meines Vorstoßes ist der momentane Stillstand in zwei anderen Selbsthilfegruppen, die ich vorher gerne besucht habe, darunter die, der dieses Blog gehört und für die ich nach wie vor Ansprechpartner bin. Diese hat sich nach einem Exodus nicht mehr erholt, die andere ist mehr oder weniger plötzlich zusammengebrochen. Beide Male hatte es mit dem Verlust des Raumes zu tun.
Eine weitere Gruppe ist für neue Bewerber geschlossen.

Die neue Gruppe soll grob gesagt Menschen mit Selbstbewusstseinsdefiziten und sozialen Ängsten ansprechen.
Weiter hege ich den Anspruch:
- dass wir alles tun, damit die Sitzungen wirklich regelmäßig stattfinden
- dass wir dementsprechend organisatorische Knackpunkte wie Raum- und Kostenfragen ernst nehmen (wünschen würde ich mir eine eigene Finanzierungsquelle der Gruppe unabhängig von äußeren Geldgebern, aber das ist ein bisschen viel verlangt)
- dass wir dementsprechend, sollten wir doch einmal ohne Raum dastehen, örtlich soweit flexibel sind, auch mal mit ausgefalleneren Treffpunkten wie einer Wiese im Park, einem Häuschen in der Eilenriede oder einem Spielplatz Vorlieb zu nehmen
- dass wir auf einen stetigen Austausch untereinander Wert legen
- dass wir uns mit anderen Selbsthilfegruppen in Hinblick auf inhaltliche Gemeinsamkeiten und auf Organisation vernetzen
- dass wir auch privaten Unternehmungen und Kontakten offen gegenüberstehen
- dass wir einander in Krisen und Einsamkeit unterstützen
- dass wir - das ist, was in den vorgenannten Gruppen gelegentlich recht gut geklappt hat und wo wir mit Sicherheit auch Anleihen nehmen können - eine feste Sitzungsstruktur benennen und diese auch einhalten
- dass wir neben Gesprächen auch Interaktionsübungen betreiben
- dass wir feedbackorientiert arbeiten, was Kritik einschließt
Das müsste natürlich alles noch genauer gefasst werden.
Entgegensetzte Verwirklichungen einer Selbstbewusstseins-/Sozialphobikergruppe wären auch denkbar, doch würde ich mich aus dahingehenden Diskussionen heraushalten. Das heißt nicht, dass ich Kompromisse ablehne.
Bevor wir richtig loslegen, sollten Zielgruppe, Ablauf, Stoßrichtung / Mentalität / "Spirit", und eine Aufstellung von Räumlichkeiten, die über die Ansätze von KIBIS hinausgeht, möglichst mit Zeiten und Kosten und einer optisch veranschaulichenden Karte, stehen und die Veranstaltung auch einen aussagekräftigen Namen tragen.

Nun zu meiner Person: Ich bin 30 Jahre alt und vor allem auf psychischer, körperlicher und kommunikativer Ebene liegt einiges im Argen bei mir. Als kleines Kind bereits habe ich auf Veranlassung meiner Mutter, die zum einen meinen Ängsten und Marotten hilflos gegenüberstand, zum anderen sich gesellschaftlichem Druck ausgesetzt sah, rein anhand eines Elternfragebogens die Diagnose Aspergerscher Autismus gestellt bekommen und diese hat mein ganzes Leben bestimmt, besonders bis zur Pubertät. Mir ist von Erwachsenen immer eingeredet worden, ich sei autistisch und sei deswegen so und so, zwar hochbegabt (was auch aus den Fingern gesogen war und mich unter enormen unnötigen Druck setzte), könne aber dieses und das nicht, vor allem manuelle Tätigkeiten, was lange bis hin zum Hintern abwischen ging. So baute ich einen Entwicklungsrückstand auf, der mich auch in meinen sozialen Kontakten und Fertigkeiten extrem hemmte.
Mit 14 habe ich dann das erste Mal allein den Schulweg bewältigt und ab da ging mir auf, dass ich ganz vieles, was mir abgesprochen worden war, doch eigentlich konnte, es nur nie gemacht hatte. Aber der Rückstand in sozialen Kompetenzen blieb. Es geht dabei nicht um Nett-Sein und Empathie. Es geht ein Stück weit um Etikette, wobei die Motorik beim Halten von Besteck, Anziehen von Krawatten u.ä. involviert ist. Darüber hinaus geht es aber vor allem um Gesprächsinhalte und -techniken der anderen, die sich mir verschließen. Es war eben ein wenig spät, um aufzuholen - als Jugendlicher funktioniert das nicht mehr so spielend.
Es stellte sich zudem eine mysteriöse neurologische Krankheit ein, die sich belastungsabhängig in Muskelverspannungen, der Unfähigkeit, Muskeln zu entspannen, und Zuckungen äußerte, was extrem v.a. meine Gesichtsmimik behindert, und die abgeschwächt bis heute andauert, sowie die Erkenntnis, sexuell anders zu sein.
Durch all diese Faktoren habe ich es schwer gehabt, in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Wundersamerweise habe ich mit Ach und Krach das Abitur bestanden. Aber: Von Arbeitsberatern im Amt bekam ich aufgrund unsicheren Auftretens zweimal eine Absage als Bewerber für den regulären Arbeitsmarkt. Mein Studium habe ich nach dem Betroffenheitsausbruch eines Dozenten über ein misslungenes Referat, an dessen Vortag sich ein Mitbewohner des Studentenwohnheims über mich lustig gemacht hatte, abgebrochen. Ich habe erst jetzt, mit 30, eine eigene Wohnung bezogen, vorher hauste ich in der Bedrängnis meines Elternhauses (zuletzt allein mit dem Vater) und ebendieses Studentenwohnheims.
Ja, es geht in kleinen Schritten vorwärts. Und dabei haben mir auch Selbsthilfegruppen geholfen, wenn auch meistens indirekt, so doch erheblich, durch ihren Rückhalt.
Ich habe eine persönliche Datenbank zur Tagesplanung und Lebensanalyse geschrieben, die einen Algorithmus für einen 75-Punkte-Plan kurzfristig anzugehender Ziele beinhaltet.
2009, war es so weit, dass ich erstmals eine bezahlte Arbeit aufnahm, wenn auch nur einen Inventurjob im Baumarkt.
Ich habe gemerkt, dass Arbeitsamt nicht gleich Arbeitsamt ist und manche einen dort auch würdevoll behandeln.
Von Mitte 2010 bis Anfang 2011 folgte dann sogar eine Tätigkeit im sozialen Bereich. Dann gab es jedoch Schwierigkeiten, ich habe von mir aus die Reißleine gezogen und bin seitdem wieder arbeitslos.
Ich fühle mich im Leben und Arbeitsleben zwar nicht mehr verloren, aber doch benachteiligt.
Eine tiefenpsychologische Therapie habe ich bereits absolviert, mit enttäuschendem Ergebnis - wobei mir auch die Therapeutin selber zu einer anschließenden Verhaltenstherapie geraten hat, von der ich mir mehr verspreche, an die indes schwer heranzukommen ist.
Gerade deswegen suche ich auch weiterhin die Unterstützung durch Selbsthilfegruppen. Dass es da aktuell hakt, trifft mich schwer.

Trotz meiner schwierigen persönlichen Situation werde ich aber bei der Aufbauarbeit anpacken, wo immer möglich. Ich werde viele Anrufe tätigen, ihr müsst nicht so viel machen. Ganz allein geht es natürlich auch nicht.
An allererster Stelle sollte jedoch das gemeinsame Bemühen um unser aller Wohlergehen und die Besserung unserer jeweiligen Lage stehen und ich werde hier niemanden nötigen, sich mit organisatorischem Scheiß zu belasten.

Wer hätte Interesse an der von mir skizzierten Gruppenform? Bitte melden unter: selbstbewusst-hannover@gmx.de

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